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Heilpädagogik und Sozialtherapie
Menschenwürde, individuelle Entwicklung und Wahlfreiheit im pluralistischen europäischen Zusammenleben
von Bernard Heldt
Die Europäische Union wird zunehmend größer und einflussreicher. Europäische Institutionen sind direkt oder indirekt für schätzungsweise
70 % der nationalen Gesetzgebung verantwortlich. Daher gilt es jetzt, die Heilpädagogik und Sozialtherapie auf europäischer Ebene ins Scheinwerferlicht zu stellen und für ein gutes Ansehen zu sorgen. Seit dem 1. Januar 2007 gehören der EU 27 Mitgliedsländer an, was bedeutet, dass der Einfluss der einzelnen Länder vergleichsweise kleiner ist als vor etwa 10 Jahren, als die EU noch aus 15 Ländern bestand. Es bedeutet zugleich aber auch, dass der Einfluss der gesamten Europäischen Union größer geworden ist. Daher kann man es nur begrüßen, dass die Bemühungen um einen gemeinsamen europäischen Grundvertrag jetzt zu einem Ergebnis führen. Die gemeinsame Rechtsgrundlage der EU-Bürger, die Grundstruktur der europäischen Regelung, wird dann transparenter. Es wird Zeit, in der EU mit einer Stimme zu sprechen!
Die Charta der Grundrechte der Europäischen Union
Die Präambel dieser Charta lautet (Fragment):
In dem Bewusstsein ihres geistig-religiösen und sittlichen Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität. Sie beruht auf den Grundsätzen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit. Sie stellt die Person in den Mittelpunkt ihres Handelns, indem sie die Unionsbürgerschaft und einen Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts begründet.
ELIANT verteidigt nachdrücklich die Menschenwürde
Die Europäische Union basiert auf einer Tradition der Menschenwürde, der individuellen Entwicklung und der Wahlfreiheit in einer pluralistischen Gesellschaft. Das ist aus vielen Artikeln ihrer Charta ersichtlich. Die anthroposophischen Arbeitsgebiete, wie der Unterricht in den Waldorfschulen, die anthroposophische Gesundheitsversorgung, die Heilpädagogik und die biologisch-dynamische Landwirtschaft stammen aus dem Erbe europäischer Denker und stehen mit ihren Grundsätzen mitten in dieser europäischen Tradition. In der zunehmend größer und komplizierter werdenden Europäischen Union, in der man immer damit rechnen muss, dass Materialismus, Konservativismus und diverse Ideologien die Oberhand gewinnen, müssen wir uns nachdrücklich für die genannten Werte einsetzen!
Daher haben sich die internationalen Dachorganisationen zu ELIANT, einer Europäischen Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie, zusammengeschlossen. Das Ziel von ELIANT ist es, sich für die Menschenwürde, individuelle Entwicklung und Wahlfreiheit in einer pluralistischen europäischen Gesellschaft einzusetzen und mit diesen Zielen anerkannt zu werden. Dazu brauchen wir 1 Million Unterschriften, von denen wir jetzt bereits über 700.000 gesammelt haben.
Bürgerrechte und De-Institutionalisierung
In der Charta der Grundrechte der Europäischen Union wird in Artikel 26 von der Integration von Menschen mit einer Behinderung und der Anerkennung und Respektierung ihrer Rechte gesprochen.
Artikel 26, Integration von Menschen mit Behinderung:
Die Union anerkennt und achtet den Anspruch von Menschen mit Behinderung auf Maßnahmen zur Gewährleistung ihrer Eigenständigkeit, ihrer sozialen und beruflichen Eingliederung und ihrer Teilnahme am Leben der Gemeinschaft.
Ein Erfolg der europäischen Institutionen ist ein neuer, menschenrechtsbezogener Ansatz in der Behindertenpolitik, der innerhalb der Europäischen Union die Bürgerrechte der Menschen mit einer Behinderung beachtet. Die Europäische Kommission - Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit hat am 30. Juli 1996 eine Mitteilung angenommen, in der sie eine neue Strategie der Gemeinschaft in der Behindertenthematik vorstellte. Diese Strategie beruht auf den Grundsätzen: Rechte statt Wohltätigkeit und Raum für Verschiedenartigkeit statt Anpassung an künstliche Normen. Die Strategie strebt vollständige Bürgerrechte und Integration für Menschen mit einer Behinderung an statt Isolierung und Ausgrenzung.
Dies nahmen Ideologen zum Anlass, eine Strategie der sogenannten De-Institutionalisierung zu predigen: Überall solle man „Institutionen“ schließen, denn als moderner Bürger wird man dort doch nicht wohnen wollen! Jeder Mensch mit Behinderung wäre nach dieser Forderung also dazu verurteilt, im Mainstream der Gesellschaft mitzuschwimmen. Man sagte: Seht euch Schweden an – da geht es doch auch, oder? Was nun genau eine „Institution“ war, blieb unklar, und irgendwann wurde aufs Geratewohl eine Zahl genannt: 30 Menschen, die irgendwie zusammen wohnten ... Naja, das würde noch gehen.
ECCE, Europäische Kooperation für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie, äußerte 2004 auf einem Kongress über De-Institutionalisierung nachdrücklich, dass es um Lebensqualität und nicht um irgendwelche Zahlenvorgaben gehen müsse, die nur eine hemmende Wirkung auf gute Projekte haben würden und außerdem auch sehr leicht umgangen werden könnten. Zum Glück stand ECCE nicht allein. EASPD, die europäische Dachorganisation der Behindertenhilfe, und UNAPEI, die französische Eltern-Dachorganisation, unterstützten diese Forderung nach Lebensqualität. ECCE konnte darauf hinweisen, dass das schwedische Modell bei weitem nicht so gut funktioniert, wie allgemein angenommen. Der Niederländer Peter Siebesma hat 20 Jahre lang die Auswirkungen dieses Modells verfolgt und seine Beobachtungen in dem sehr lesenswerten Buch „De droom van Grunewald“ / Der Traum von Grunewald (Assen 2005) veröffentlicht. Karl Grunewald war die treibende Kraft hinter dem schwedischen Behindertenmodell gewesen. Dieses Buch wird zur Zeit in aktualisierter Form in englischer Sprache publiziert (vermutlich im September 2007). Die Schweden hatten ihr Modell gut präsentiert, doch in der Praxis zeigten sich gewaltige Defizite.
Glücklicherweise hat sich durch all diese Bemühungen der ideologische Sturm, mit dem die Idee der De-Institutionalisierung durch Europa raste, wieder gelegt. Der gesunde Menschenverstand hat Verschiedenes auf die angemessenen Proportionen zurückgebracht. Jetzt steht die Wahlfreiheit im Mittelpunkt: Jeder Mensch darf selbst bestimmen, wie er leben und wohnen möchte. So geschieht es in geschützten und offenen Gemeinschaften, wie wir sie in der Sozialtherapie kennen. Lebensqualität steht jetzt auf der Agenda der Beratungen, und inzwischen sind der Gedanke des Bürgerrechts und der Integration Allgemeingut geworden, was ein unschätzbarer Gewinn ist - vor allem in den neuen EU-Ländern, wo, wie wir wissen, zum Teil noch immer erschreckende Zustände herrschen.
Für wirkliche Integration ist Partizipation notwendig. Die aber ist nur möglich, wenn man allgemein in der Gesellschaft dazu bereit ist, hierfür ein Bewusstsein zu entwickeln und daran mitzuarbeiten. Partizipation entsteht nicht von selbst.
Zusammenarbeit anthroposophischer NGOs
Auch in anderen anthroposophischen Arbeitsbereichen ist man auf dem europäischen Parkett aktiv geworden. Nicht nur ECCE hat sich in den Kampf gewagt, sondern auch die Waldorfschulbewegung, die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Ärzte, die Hersteller anthroposophischer Medikamente, Patienten und so weiter.
Am 29. Juni 2006 diskutierten und unterschrieben in Brüssel 10 europäische NGOs, die auf der Grundlage der Anthroposophie arbeiten, die Charta der Europäischen Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie / ELIANT. Diese Charta hält fest, dass die Initiativen der angewandten Anthroposophie vor allem auf den Gebieten der Landwirtschaft, Pädagogik, Heilpädagogik und Medizin einen beachtlichen Beitrag zu zentralen Werten der europäischen Kultur, wie Menschenwürde und individuelle Entwicklung beigetragen haben. Die Unterzeichner der Charta – darunter auch ECCE – äußern sich, wie sie weiterhin dazu beitragen wollen (siehe Charta).
Im Europäischen Grundvertrag steht, dass die Europäische Kommission verpflichtet ist, aktiv zu werden, wenn eine Organisation ihr eine Millionen Unterschriften vorlegen kann. Die Europäische Kommission hat zugesichert, dieser Verpflichtung nachzukommen.
Vertrag über eine Verfassung für Europa
ARTIKEL I-47 Grundsatz der partizipativen Demokratie:
Unionsbürgerinnen und Unionsbürger, deren Anzahl mindestens eine Million betragen und bei denen es sich um Staatsangehörige einer erheblichen Anzahl von Mitgliedstaaten handeln muss, können die Initiative ergreifen und die Kommission auffordern, im Rahmen ihrer Befugnisse geeignete Vorschläge zu Themen zu unterbreiten, zu denen es nach Ansicht der Bürgerinnen und Bürger eines Rechtsakts der Union bedarf, um die Verfassung umzusetzen. Die Bestimmungen über die Verfahren und Bedingungen, die für eine solche Bürgerinitiative gelten, einschließlich der Mindestzahl von Mitgliedstaaten, aus denen diese Bürgerinnen und Bürger kommen müssen, werden durch Europäisches Gesetz festgelegt.
Um der Charta der Europäischen Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie / ELIANT politische Bedeutung zu verleihen, wurde daher eine Aktion beschlossen um eine Million Unterschriften zu sammeln und sie der Europäischen Kommission vorzulegen. Daran haben sich in den vergangenen Monaten eine ganze Reihe anthroposophischer Organisation beteiligt. Weitere Informationen unter www.eliant.nl und www.eliant.eu
Diese Aktion bedarf tatkräftiger Unterstützung, damit sie zu einem ernstzunehmenden Faktor in Europa werden kann. Eine Million ist eine große Anzahl, doch müssen wir bedenken, dass im Jahr 2007 fast 500 Millionen Bürger in Europa leben. Es handelt sich also um 2 ‰ der Bürger. Das sind für die Niederlande 33.000 Menschen und für Belgien 22.000, [für Deutschland 165.000], die in irgendeiner Form mit anthroposophischen Initiativen Kontakt haben: Eltern von Waldorfschulen oder heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Einrichtungen, Konsumenten der biologisch-dynamischen Landwirtschaftsprodukte, Patienten anthroposophisch-medizinischer oder therapeutischer Versorgung usw.
Bis jetzt (Mai 2009) wurden schon über 740.000 Unterschriften gesammelt. Aber wir wollen weitermachen – wir wollen die 1 Million erreichen. Wir müssen zeigen, dass wir ein wichtiger Faktor sind.
Gesetze und Vorschriften aus Brüssel erlangen immer stärkeren Einfluss auf das Leben innerhalb nationaler Grenzen. Wer seine Stimme nicht in den europäischen Organen – Ministerrat, Kommission und Parlament - hören lässt, hat kein Recht mitzureden. Deshalb haben die internationalen Dachorganisationen sich zu ELIANT, einer Europäischen Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie zusammengeschlossen.
Mit dieser Europäischen Allianz wollen wir zeigen, dass Anthroposophie und die daraus entwickelten Initiativen, Einrichtungen und Betriebe aus der europäischen Tradition der Menschenwürde, der individuellen Freiheit und Wahlfreiheit in einer pluralistischen Gesellschaft stammen. Deshalb wurde die gemeinsame Charta erstellt. S. dazu auch: www.eliant.nl und www.eliant.eu
Durch seine Unterschrift unter diese Charta kann jeder, dem die angewandte Anthroposophie am Herzen liegt und der sie auf europäischer Ebene unterstützen will, dies zum Ausdruck bringen.
Wenn Sie die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Waldorfpädagogik, anthroposophische Gesundheitsversorgung, Psychiatrie, Hilfe für Menschen mit Behinderung und andere kreative Anwendungen der Anthroposophie befürworten, dann ist dies der Weg und der Moment, es mit Ihrer Stimme zu bekräftigen.
ELIANT will 1 Millionen Unterschriften in Europa sammeln. Wir als Niederländer wollen ebenfalls unseren Beitrag liefern.
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